Mission "Freischwimmer" - Wildwasserstrecke Hildesheim - 23.-25.06.2000
Es ist Sommer im Oberharz. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die Hochwüste zwischen Goslar und Osterode, niemand mag sich mehr unnötig bewegen, und da trifft es sich ganz gut, dass wir sowieso gerade ein Paddelwochenende an der künstlichen Wildwasserstrecke in Hildesheim geplant haben.
Die üblichen organisatorisch-logistisch-philosophischen Vorarbeiten sind verhältnismäßig schnell erledigt, und es ergibt sich kurzfristig auch noch die grandiose Möglichkeit, wahlweise (!welch Luxus!) für Dirks Golf einen Dachgepäckträger oder einen Ford Transit Kastenwagen auszuleihen. Dieser gnädige Zufall kompensiert glücklicherweise die trotz hervorragender Lademeister unnachvollziehbare Fehleinschätzung einer nicht genannt werden wollenden planungsbeteiligten Person, wir würden es schon irgendwie schaffen, in nur einem Golf und einem Kadett 10 (in Worten: 10) Boote, 9 1/2 Ausrüstungen und 9 Personen zu transportieren.
Flugs noch am Bootshaus halten und etwas an der Fahrwerkstrimmung frisieren (sprich: noch mehr Ausrüstung einladen), und schon sind wir unterwegs. Das Radio dudelt, die Vöglein singen, und da singt doch noch irgend was...? Beim ersten Boxenstop prognostizieren wir einen nicht mehr schwimmenden Schwimmsattel einer Scheibenbremse und bedenklich hohe Felgentemperatur. Die Caramba-Kriechöl-Methode scheitert leider, sodass zwei Autos nach Hildesheim vorfahren und sich Beni, Falko und Matthias nach einer mittelkurzen Odysse durch diverse Autoservicebetriebe Ersatzteile und Werkzeug kaufen und mit mehreren Felgen-Kühl-Stops nach Hildesheim schleichen, wo die Hände-in-Öl-und-Straßenstaub-Kurzorgie bald erledigt ist.
Wir sind die ersten auf dem Campinggelände, die Bremer, mit denen wir uns hier treffen werden, haben einen langen Weg, und Marcus, der aus Bonn anreist, steckt noch in seinem Gewohnheitsstau.
Bevor die Sonne untergeht, wollen doch ziemlich viele noch mal "eben kurz" auf die Strecke. Wir hätten wissen können, dass dies "eben kurz" eigentlich "bis wir das Paddel nicht mehr halten können" bedeutet. Wer noch nie hier war freundet sich langsam mit der Strecke an, und da das Camp 3 km flußauf liegt, ist für eine auf morgen vorbereitende Armverlängerung gesorgt. Am Platz quatschen wir nach einem dicken Essen noch mit Fledermäusen um die Wette und gehen nur kurz vor ihnen schlafen. Ist ja Wochenende!
Dass es das Hildesheim-Wochenende ist merken einige von uns recht deutlich am Samstagmorgen beim Versuch, vor dem Ting (oder moderner: Briefing) Zähne zu putzen, zu frühstücken, Paddelklamotten zusammenzusuchen ohne über Zeltleinen zu stolpern oder auch Kontaktlinsen einzusetzen, wofür man ja erstmal die Augen aufkriegen muß.
Einige der inzwischen gut 50 Anwesenden paddeln zur Übungsstrecke, andere fahren mit dem Wagen, um die Fressalien in Reichweite zu haben. Beim gemeinsamen Schwimmen durch die Strecke wird dann auch der letzte wach, die Innerste ist frisch dies Jahr. Darüber freuen sich besonders diejenigen, welche bis Mittags bis zum Bauch im Kehrwasser stehen, erklären, helfen, bergen. Belohnung: "Vollwasser"! Die Stärke der Strecke ist regelbar, und Steuerpult-Schlüsselmeister Lutz gibt uns den Stoff, aus dem die Träume sind. Wer sich dabei überschätzt schwimmt unfreiwillig. Da aber die Strecke aus Beton gegossen ist, besitzt sie kaum scharfe Kanten, so dass hier bei geringer Gefahr für viele die Möglichkeit besteht, Grenzen auszutesten.
Die "Mittagspause" nutzen wir zum Großteil für eine Bergeübung. Wir stellen fest, dass der Umgang mit dem Wurfsack auch den routinierteren Paddlern nicht immer leichtfällt und dass 15 Meter Seil einerseits gar nicht so einfach auszuwerfen, andererseits oft zu kurz sind. Weitere Übungen dieser Art werden sicherlich folgen.
Die nächste Runde "Mittelwasser", in der sich wer will unter anderem wieder im Umgang mit Walzen üben oder das Rollen im Preßwasser an der angeströmten Mauer versuchen kann, beendet bald unsere "Pause". Ach ja, natürlich ergibt sich auch häufig Gelegenheit, sich anzugewöhnen, dem gnädigen "Retter" das Bergen zu vereinfachen, indem man z.B. sein Paddel beim Kentern festhält... Die, dies brauchen, lassen sich am abend noch von einer Extraration Vollwasser zerlegen, bevor auch die letzten sich wieder auf den Weg zum Camp machen. Die Frage, was schlimmer ist nach so einem Tag - Boote aufs Autodach laden oder die Strecke paddelnd zurücklegen - bleibt ungeklärt.
Am Platz beginnen Beni und Falko sofort mit einer intensiven Studie darüber, wie man das Wurfsackseil dazu bringt, auf einer Reihe senkrecht stehender Paddel liegenzubleiben und als Wäscheleine zu dienen, ohne dass die Paddel umkippen. Nach einer Weile wird es uns zu langweilig, ihnen dabei zuzusehen. Wir beginnen, uns mit verstopften Benzinkochervergasern, Tütensuppenzubereitungsanleitungen, Klappstühlen oder auch ganz banaler Feuerzeugsuche zu beschäftigen. Irgendwann ist alles dreckig, aber es ist sowieso dunkel, alle sind satt, ob die Wäscheleine noch steht kann man zum Glück auch nicht sehen, und wir genießen die schöne Gelegenheit, so viele bekannte und auch neue Paddler aus dem norddeutschen Raum zu treffen. Schlafen? Hm. Nicht dies Wochenende...
Mehr oder weniger verkatert beginnt der Sonntag. Die Strukturen des Systems, wer wann wo was macht lösen sich langsam auf - zu verschieden sind die vorhandenen Konditionsreste und Erholungsintervalle der einzelnen Teilnehmer. Um die Mittagszeit öffnet Lutz ein letztes mal alle Schotts. Es ist die Zeit, in der ein Paddler nach dem anderen das Wasser verläßt, weil einfach rein gar nichts mehr geht, kein Muskel bietet mehr die angeforderte Leistung, und dauernd kieloben macht das ganze ja auch nicht soooo viel Spaß.
Über unseren Rückzug gibt es nicht viel zu berichten. Natürlich waren wir ziemlich platt. Natürlich haben wir uns den restlichen Tag nur langsam bewegt. Natürlich haben wir alles wieder in die Autos gestopft bekommen - danke nochmal für den Kastenwagen, Dirk! Natürlich waren wir die letzten, die gefahren sind. Und: Natürlich kommen wir wieder!
Ach ja: Danke an dieser Stelle noch an die Bremer Paddler, die uns so gastfreundlich an der Strecke aufgenommen und mit uns Wasser und Rasen geteilt haben!



