Mission "So billig wars dann doch nicht..." - Philosophische Einsichten von der BOOT - Februar 2002
Zur BOOT 2002 gehts heute! Guter Laune treffen wir uns um 0620 auf dem Cafetenparkplatz zur Abfahrt. Michael und Sven stellen fest, dass sie eigentlich auch zusammen statt jeder mit seinem Wagen von Heim 9 hätten herkommen können. Um 0700 sind wir mit H.D. und Anja in Goslar verabredet. Da ich Erkältungsmäßig eher ins Bett gehöre mache ich mit Claus noch einen Umweg über die notdiensthabende Apotheke unserer schönen Stadt. Beute: Eine Tüte voll moderner Chemie, welche mir ermöglichen soll, meine geplanten Anschaffungen mit klarem Kopf abzuwägen und durchzuführen. Auf dem Weg nach Goslar wecke ich H.D. per Handy - natürlich streitet er das ab, klar. Bald fahren wir in Svens Golf und H.D.s Sharan richtung Düsseldorf, ich beschäftige mich mit meinem Drogencocktail, während die anderen frühstücken, und wir finden raus, dass die beiden 2-Wege-Babyphone von Anja und H.D. einige Kilometer Reichweite haben und beim Konvoifahren sehr praktisch sind. Vorausgesetzt sie sind eingeschaltet. Mit H.D. als "konvoiführendem" Fahrer, Anja als B-GPS, mir als Funker und Claus als Claus haben wir sehr viel Spaß. Sven, Beni, Friederike und Michael haben dadurch ein wenig Konfusion. Wie auch immer, wir parken bald auf dem Parkplatz 2 Feld 22 F der Messe Düsseldorf. "Laß doch Platz zum Ausparken!" meint einer von uns zu H.D., als dieser unmittelbar hinter dem Golf anhält. Wir nehmen einen Pendelbus und tauchen ein in die Messe.
Michael will durch die Hallen bummeln und gucken; wir anderen haben mehr oder weniger feste Kaufabsichten. Auf der BOOT kann man Produkte Seite an Seite vergleichen und um Preise feilschen, das haben wir vor. Mein Hauptziel ist ein neues Paddel. Mein Eskimo Akrobat wird langsam alt, ich hätte gern ein zuverlässiges, vielleicht auch ein leichteres, weiter entwickeltes Paddel. Ich werfe ein Lemocin ein und überlege. Es ist ganz einfach, ich muß mir nur kurz über einiges klarwerden: Alu-, Glas-, Kohlefaserschaft? RIM-, Poly-Glasfaser-, Kohlefaser-, Kevlar-Kohlefaserblatt? Blätter aufgesetzt oder Schaft und Blatt aus einem Stück? Geschrumpft oder geklebt? Symmetrisch oder Asymmetrisch? Schaft naß-in-naß oder thermisch ovalisiert? Mehr Kevlar am Rand oder mehr auf der Fläche? Kratzschutz-Decklage gegen Kerbwirkung? 60, 65, 70, 75, 80 Winkelversatz? 202, 200, 198, 196 cm Länge? 1750, 1480, 1300 oder 980 Gramm? Gerade oder Ergo? Und was will ich dafür berappen? Ich stürze mich auf die Herstellerstände und löchere die Repräsentanten. Jeder ist von seinem Konzept überzeugt. Meist bekomme ich fachgerechte Beratung und Erklärung auch auf meine ziemlich detaillierten Fragen. Kunst- und Faserverbundwerkstoffe sind nicht gerade mein Spezialgebiet, aber mit Maschinenbau-Grundlagen, Paddel-Erfahrung und gesundem Menschenverstand kann ich mir ein recht gutes Bild machen. Ich laufe hin und her, wäge die Argumente des einen gegen die des anderen ab und versuche herauszufinden, welches Paddel mir einen guten Kompromiß aus Sicherheit, Fahrspaß und Preis bietet. Nach einigen Stunden haben wir Hunger und beschließen uns zum Essen zusammenzusetzen. Die anderen essen ihre Brötchen. Ich nehme ACC akut und Lemocin. Friederike ist glücklich, sie hat nach fast 2 Jahren endlich eine gute Wildwasserschwimmweste für weibliche Proportionen gefunden! Sven sucht ebenso wie Beni ergebnislos nach einem preiswerten, gutsitzenden, stabilen Helm. Claus liebäugelt mit einem Poly-Kohlefaser-Paddel, welches ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis zu haben scheint, und H.D. und Anja haben eine Schwimmweste für den Nachwuchs ergattert. Besonders H.D. wird heute oft durch die "niedrigen" Euro-Preise dazu animiert, sich Produkte näher anzusehen, sein Interesse wächst, und erst danach stellt er fest, dass es so billig dann doch nicht ist. Naja. So weit, so gut. Zur mentalen Entspannung machen wir einen Abstecher in die Tauchhalle, um wildwassertaugliche Messer zu erstehen. Nach einer Stunde Suchen und einer Dosis Endrine Mild steht für mich fest: Gibt es nicht. Jedenfalls nicht hier. Wir diskutieren darüber hartnäckig. Zurück in der Kanusporthalle gehe ich allen einschließlich Jochen Lettmann stundenlang auf die Nerven mit Fragen zu den verschiedenen Paddeln, die in meine engere Wahl kommen, und versuche nebenbei ehrliches objektives Feedback zu den anvisierten Käufen der anderen zu geben. Ob die Paddeljacke zu eng ist? Naja, ein Kohlefaserblatt hat schon Vorteile...was hast Du gefragt? Es ist schon nachmittags. Entscheidung ist geboten. Noch ne ACC akut.
Ich ertappe mich dabei, dass ich in Gedanken Modelle aus immer höheren Klassen (und Preiskategorien!) miteinander vergleiche. Ob der Euro auch auf mich Einfluß hat? Die reine Vernunftebene liegt schon einige Meter unter mir. Was solls, ich bin Genießer, warum soll ich es nicht einmal riskieren, etwas mehr Geld anzulegen und dafür wahrscheinlich wesentlich mehr Fahrspaß zu erhalten? Ein supersteifes, annehmbar leichtes und dennoch vernünftig stabiles, weil sinnvoll konstruiertes Paddel hat seinen Preis und hält nicht dementsprechend viel länger als eins aus der Mittelklasse. Trotzdem reizt mich der Gedanke ungemein, ich habe von meiner alten Hantel irgendwie doch genug, und meine Fahrtechnik nähert sich so langsam einigen Grenzen dieses Paddels. Außerdem kann ich hier auf der BOOT einen nennenswerten Preisnachlaß aushandeln. Patrick sollen wir ja auch eins mitbringen! Inzwischen bin ich aber von einem anderen als seinem Traumpaddel so überzeugt, dass ich ihn anrufe und ihm berichte. Seine Wahl ist bald gefallen, prima, und was mach ich? Lemocin. So langsam treffen wir uns alle wieder, und Claus hat so einen nervösen Blick angenommen und schleicht meist um die Paddelständer herum. Bald schon schiebt er mir die Schuld daran in die Schuhe, dass er plötzlich Interesse an einer höherwertigen Kelle hat als noch heute morgen. Dagegen helfen keine Medikamente. In einer halben Stunde schließt die Messe, und ich habe mir bei Lettmann ein bestimmtes Paddel schon zurücklegen lassen. Mein Gehirn und mein Bauch haben einen sehr guten Kompromiß aus Sicherheit und Fahrspaß gefunden. Auf dem Weg zum Parkplatz denke ich darüber nach, dass der Preisfaktor keine so entscheidende Rolle mehr gespielt hat, befinde meine Wahl aber dennoch für gut. Ich werde das Paddel im Schwimmbad testen und mit anderen vergleichen, und falls es mir nicht gefällt, kann ich es wieder zurückgeben. Das finde ich einen sehr fairen Deal. Auch wenn mir irgend etwas in meinem Bauch - wie auch ungefähr 20 kompetente Personen, mit denen ich mich darüber inzwischen unterhalten habe - sagt, dass ich dieses Paddel nie wieder hergeben werde, wenn ich einmal damit gefahren bin...
Mit Michael unterhalte ich mich über dies und das, währen wir nebeneinander den anderen kreuz und quer über den riesigen Parkplatz hinterhertrotten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sie endlich unsere Autos wiedergefunden haben. Noch im Gespräch mit Michael merke ich, dass irgendwas nicht stimmt, sie sind irgendwie anders drauf als vorher, und etwas liegt in der Luft. Mein Kleinhirn (vielleicht wars auch die Milz) stellt beim Näherkommen fest, dass der Sharan keine Probleme beim Ausparken haben wird: Svens Golf ist weg. Weg. Nicht mehr da. Luft. Fuck. Ich kapiers nicht. Was passiert hier? Der erste Gedanke, dass die Parkplatzverwaltung den Wagen aus irgend einem Grund abgeschleppt hat, bewahrheitet sich nicht. Auch die Polizei weiß nichts von dem Wagen. Gefrustet und resigniert fahren wir zur Wache, um das Protokoll aufzugeben und Anzeige zu erstatten. Ich nehme Endrine und Lemocin.
Auf der Wache: Nein, wir haben uns nicht geirrt. Nein, bestimmt nicht. Ja, die Wagen standen direkt hintereinander. Ja, genau hier. Natürlich können wir den Wagen beschreiben. Ein alter Golf 3 mit eher wenigen Kilometern, und - Turbodiesel. Wir wissen auch was drin ist: Jacken und so einiges Kleinzeug, was teils schlecht wiederzubeschaffen und teils auch nicht ganz billig ist. Vom Wagen selbst ganz zu schweigen; wer kann schon so mal eben einen neuen aus dem Ärmel schütteln? Wir fassen es noch immer nicht. Der neue Sharan wurde nicht angerührt. Wir erfahren nebenbei, dass heute noch andere Autos vom Messegelände gestohlen worden sind. Es ist eigenartig, wie wenig ich realisiere, was da passiert ist. Sowas beklopptes, wegen so eines alten Wagens das Risiko einzugehen, erwischt zu werden. Sven hilft das natürlich nicht.
Nachdem die Formalitäten erledigt sind und mir der ADAC meine Plus-Mitlied-Anfrage nach logistischer Hilfe generös abschlägig beantwortet beschließen wir, unser Wissen darüber anzuwenden, dass (unter Beachtung diverser Regeln) die einzige Beschränkung der Anzahl der Personen in einem Auto die Zuladung ist und der Fahrer ohne P-Schein maximal 8 Personen plus sich selbst transportieren darf. Wir machen es uns im momentan 5-sitzigen Sharan "bequem" - aaaaaaaah! runter von den Paddeln! - und freuen uns auf die Diskussion mit den üblicherweise nichtinformierten Beamten, die etwa unseren Weg kreuzen sollten. Sicherheitshalber steigen wir nicht direkt vor der Wache ein.
Es ist sehr kommunikativ mit 8 Leuten in einem Auto. Wir reden über tausend Dinge, unter anderem Paddel, das gestohlene Auto, Paddel, kommende Paddelaktivitäten, die Schneeschmelze, Wasserstände, Familienplanung, Karrierestress, Geldfragen, Paddel, Autos, Reisen... bis wir wieder im Harz ankommen. Wir stellen fest, dass es *doch* praktisch war, dass heute morgen Sven und Michael beide von Heim 9 mit dem Auto zur Cafete gekommen sind; jetzt kann Michael Sven mit nach Hause nehmen. Es bleibt ein mulmiges Gemisch aus all den Eindrücken der Produktentwicklungen auf dem Kajakmarkt, der Gespräche und irrsinnig vielen Informationen, die nicht nur ich heute über Paddel erhalten habe, und dem bitteren Beigeschmack eines gestohlenen Autos.
Fazit: Vielleicht wird Dir in Rumänien in Dein Auto eingebrochen. Schon erlebt. Vielleicht stiehlt Dir in Südfrankreich jemand Ausrüstung aus Deinem Wagen. Kennen wir. Aber vielleicht nimmt auch einfach jemand das ganze Auto mit. Und das mitten in Düsseldorf. Been there, done that. Meine Schlußfolgerung: Scheiße passiert, und sie passiert überall auf der Welt. Sogar zu Hause. Laß Dich nicht davon abhalten zu reisen, andere Länder und andere Menschen zu erleben. Du kannst auch im Wohnzimmer von der Deckenlampe erschlagen werden. Und was hast Du dann davon gehabt? In diesem Sinne: Stay in flow.



