DV-info, November 1994
Wohnheime am Netz

Ein Pilotprojekt der TU Clausthal

Als eine der ersten(1) Universitäten in Deutschland
hat die TU Clausthal Studentenwohnheime direkt an das Hochschulnetz angeschlossen. Die Bewohner
können so von ihrem Zimmer aus auf den Rechnern in den Instituten oder dem Rechenzentrum
arbeiten und haben Zugriff auf die Kommunikationsdienste des Internets. Das Netz eröffnet
ihnen Möglichkeiten zur weltweiten Kommunikation und Beschaffung von Informationen, bringt
aber auch verbesserte Arbeitsbedingungen bei Computer-Praktika etc. In diesem DV-info sollen die
bisherige Entwicklung des Projekts und verschiedene Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt werden.
Heim 1/2
Im Spätsommer'93 entstand im Heim 1 (Alte Münze) die Idee, ein lokales Netz aufzubauen,
welches einen Zugang zum Hochschulnetz haben sollte. Eine entsprechende Anfrage nahm das Rechenzentrum
positiv auf. Ende'93 wurde ein Netzwerk auf Basis von Cheapernet (Ethernet 10Base2) verlegt --
etwa gleichzeitig mit Heim 2, wo man die Idee aufgegriffen hatte. Die Heime wurden vollständig
verkabelt; jedes Zimmer erhielt einen Anschluß. Alle Arbeiten wurden von den Bewohner selbst
ausgeführt. Die Materialkosten in Höhe von je 3000,- DM übernahm das Studentenwerk,
während jeder Computerbesitzer seine Netzwerkkarten selbst kaufen mußte (einfache PC-Karten
kosteten damals schon unter 100,- DM).
Aus Kostengründen wurde die Verbindung zum Hochschulnetz vorerst mit SLIP (Serial Line Internet Protocol)
über 19.200 Baud Modems zwischen einer Sun-Workstation im Rechenzentrum und je einem Linux-PC in den Wohnheimen
hergestellt. Am 16.3.94 wurde das erste Datenpaket vom lokalen Netz in Heim 2 in das Hochschulnetz geschickt.
Heim 1 erhielt die Anbindung einen Monat später. Die Tatsache, daß in beiden Heimen Leitungen der
Uni-Telefonanlage als Standleitungen geschaltet werden konnten, ermöglichte eine ununterbrochene Verbindung
ohne laufende Kosten.
Der große Erfolg des Netzes in beiden Heimen zeigte schon nach wenigen Wochen, daß eine
Übertragungsrate von 19.200 Baud für die Anbindung eines LANs nicht ausreicht. Dadurch, daß
das Studentenwerk eine Netz-Verbindung zwischen ihrem Verwaltungsgebäude und einem Büro in Heim 1
benötigte, bot sich die Gelegenheit zu einer Verbesserung der Anbindung. Über freie Leitungen einer
neuen Glasfaser-Verbindung zwischen beiden Gebäuden wurden die lokalen Netze von Heim 1 und 2
zusammengefaßt und über einen Remote-Router mit 128kBaud-Modems (wie auch bei einigen Instituten
im Einsatz) an das Rechenzentrum angeschlossen. Die neue Verbindung ist seit Anfang Oktober'94 in Betrieb
und brachte eine erhebliche Verbesserung.
Heim 8
Im Sommer'94 bewarben sich die Bewohner von Heim 8 um eine Ausweitung des Pilotprojekts auf ihr Haus.
War Heim 1 mit 29 und Heim 2 mit 56 Zimmern noch sehr überschaubar, so stellte sich bei Heim 8
(158 Zimmer in 10 Fluren und einem Anbau) eine neue Herausforderung.
Das Studentenwerk billigte eine Planung auf Basis des Cheapernet mit EAD-Anschlußdosen in
jedem Zimmer. Zwei Segmente je Flur sollten in einem Gemeinschaftsraum mit einem Sternkoppler
zusammengefaßt werden. Seit der Lieferung des Materials laufen die Installationsarbeiten,
die flurweise von den Bewohnern ausgeführt werden. Die Anbindung an das Hochschulnetz --
ebenfalls mit einen Remote-Router und 128kBaud-Modems über Uni-Telefon-Standleitungen --
ist seit Ende Oktober'94 im Betrieb. Einer der beiden Linux-PCs aus Heim 1 und 2 bekam in Heim 8
eine neue Aufgabe als Server für grundlegende Netzdienste, wie Nameservice, Mail, News und WWW.
Nutzungsmöglichkeiten
Nach dem eher technischen Teil sollen nun Anwendungen im Vordergrund stehen: Schon das LAN an sich
bietet viele Möglichkeiten. So kann ein Teilnehmer seine Festplatte oder seinen Drucker dem Nachbarn
zur Verfügung stellen. Auf diese Weise können mehrere Personen gleichzeitig an einem Projekt
arbeiten oder gemeinsam Software nutzen, die dann nur einmal kostbaren Plattenplatz belegt. Alles das
sind Arbeitserleichterungen, die aus Instituten und Büros lange bekannt sind, nun aber auch den
Heimbewohnern ermöglicht werden.
Die Anbindung an das Hochschulnetz eröffnet ganz neue Perspektiven. Die Studenten können
von ihrem PC auf Rechnern in den Instituten arbeiten. Gelegenheiten dazu ergeben sich bei allen
Studienrichtungen, begonnen mit Rechnerübungen im Grundstudium bis zu komplexen Programmieraufgaben
oder bis zur Nutzung von Spezialsoftware im Rahmen von Forschungsprojekten. Bei Unix-Systemen beschränkt
sich das Arbeiten auf solchen Institutsrechnern nicht nur auf den Textmodus, sondern erlaubt auch die
Umlenkung von grafisch orientierten Programmen. Damit sind selbst CAD-Programme prinzipiell vom Arbeiten
daheim nicht ausgeschlossen. Es liegt auf der Hand, daß nach Wegfall äußerer Einflüsse,
wie Öffnungs- und Belegungszeiten der Rechner-Pools sowie des Wetters ein erheblich effizienteres
Arbeiten möglich wird.
Der Zugang zum Internet macht Dienste wie EMail und News direkt von zuhause nutzbar. Per EMail
können Studierende nicht nur innerhalb Clausthals kommunizieren (z.B. auch mit Mitarbeitern
ihres Instituts), sondern weltweit. Dies eröffnet einen unkomplizierten und schnellen Informationsaustausch
mit Studenten, die irgendwo auf der Welt an einem ähnlichen Problem arbeiten. Eine regelrechte Flut
von Informationen zu allen erdenklichen Themen bieten darüber hinaus die 4500 Diskussionsgruppen des
News-Systems.
World Wide Web (WWW) wird zu einer der bedeutendsten Anwendungen im Internet. Schon jetzt bieten
viele Universitäten und öffentliche Einrichtungen, aber auch Firmen und Privatleute, über
WWW interessante Informationen an. In Clausthal zeigen Beiträge der Uni-Bibliothek oder
Vorlesungsskripte und Veranstaltungspläne aus einigen Instituten einen ersten Ausblick, wie
dieses Medium in einem modernen Studium eingesetzt werden kann. Mit WWW können Benutzer sehr
leicht eigene Beiträge anbieten, erste Beispiele sind hier das Kinoprogramm, der Mensaplan
oder die WWW-Mitfahrzentrale.
Erste Erfahrungen
Zwar stehen EMail, News, FTP, gopher und WWW den Studenten über Accounts in den Instituten
oder dem Rechenzentrum auch jetzt schon zur Verfügung, bei vielen unterbleibt eine konsequente
Nutzung aber, weil ihnen der Weg dorthin zu aufwendig ist oder sie in Rechner-Pools nicht
ungestört arbeiten können. Daß solche Netzdienste von fast allen Studenten
begeistert genutzt werden, wenn sie im eigenen Zimmer verfügbar sind, zeigen erste Erfahrungen
aus Heim 1 und 2.
Die anfängliche Befürchtung, man finanziere wenigen Computerfreaks ein neues Spielzeug,
hat sich als unbegründet erwiesen. Fast zwei Drittel der Bewohner aus Heim 1 und 2 (gemischt
aus allen Fachbereichen) nehmen am Netz teil, darunter fast alle PC-Besitzer, aber auch einige
ohne Rechner, die sich gelegentlich an dem Server-PC einloggen. Nur ein Drittel nutzt das Netz
bisher nicht. Unter den Anwendern des Netzes befinden sich auch solche Studenten, die das Arbeiten
am Rechner bisher möglichst vermieden oder ihren PC nur als Schreibmaschine genutzt haben.
Als Netzwerk-Software für den eigenen PC verwendet ein Teil der Studenten Public-Domain-Programme
für Dos und Windows, ein anderer Teil das frei erhältliche PC-Betriebssystem Linux, das
als Unix-System optimal mit Internet-Diensten umgehen kann. Die Benutzung von Netzprogrammen, aber
insbesondere der Betrieb eines eigenen Unix-Rechners erfordert von den PC-Besitzern eine intensive
Beschäftigung mit ihrem Rechner. Als ein Nebeneffekt des Projekts kann man also auch eine
Verbesserung der allgemeinen EDV-Kenntnisse der Studenten erwarten.
Eine Kurzanleitung als Einstiegshilfe für alle neuen Netzbenutzer in den Wohnheimen entstand
in Heim 1 und 2. Darin sind unter anderem die Konfigurationsarbeiten für verschiedene
Betriebssysteme erläutert und grundlegende Regelungen für die Nutzung in einer
Netzordnung festgehalten.
Weitere Entwicklung
Außer den drei schon vernetzten Wohnheimen haben bereits Heim 3, 4 und 10 (Haus 1)
einen Antrag auf ein LAN gestellt. Aufgrund der positiven Erfahrungen sollte man die Kosten
(100 - 200 DM pro Zimmer) nicht scheuen und das Projekt fortsetzen.

Fußnoten
(1) Wahrscheinlich die erste, was aber bislang nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte.

|